Warum ein Spielmittag mit Kindern und einer gehörlosen Mama so gar nicht still verläuft und doch so herzlich war

Die besten und schönsten Dinge auf der Welt kann man weder sehen noch hören. Man muss sie mit dem Herzen fühlen.“ Helen Keller

 

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Bildrechte: Pixabay.com

So wie dieses Paar sich mit Handzeichen die Liebe deutet, so geht es vielen Paaren, die gehörlos sind.

Bisher kannte ich persönlich noch niemand Gehörloses, mich fasziniert jedoch der konzentrierte Blick und die flinken Handbewegungen der Personen.

In einem Restaurant konnte ich ein älteres Ehepaar beim Diskutieren beobachten. Sie fuchtelten wild mit den Händen umher und hatten wohl eine Meinungsverschiedenheit vom feinsten. Den Gesichtzügen konnte keine freudige Erregung entnommen werden.

Aber was hat das hier an dieser Stelle im Blog zu suchen?

Mein Räuber (4) geht schon über ein Jahr in den Kindergarten und hat inzwischen drei feste Freunde gefunden. Die vier spielen super zusammen und halten auch gegenüber anderen Kindern zueinander. Das macht mich als Mama sehr stolz.

Einer der vier ist etwas schwächer und schüchterner. Warum das so ist weiss ich nicht. Er müsste nach dem was ich heute weiss eigentlich der Stärkste sein.

Er ist ein CODA.

Ein was?

EIN CODA.

Coda ist die Abkürzung für Children of deaf adults. Auf Deutsch heißt das: Kinder von gehörlosen Eltern. Ein Coda ist also ein hörendes Kind von gehörlosen Eltern. Gehörlose Kinder von gehörlosen Eltern werden deaf Codas genannt.

CODA ist eine internationale Organisation für die hörenden Kinder von gehörlosen Eltern.

Gehörlose haben meist auch einen gehörlosen Partner. Wenn nun zwei Gehörlose Kinder bekommen, sind die Kinder nicht automatisch gehörlos – im Gegenteil, nur eines von zehn Kindern, ist durch Vererbung gehörlos. Gehörlose haben also meist hörende Kinder! Quelle: Gebärden-lernen.de

Seine beiden Eltern sind gehörlos.

Auf dem letzten Kindergarten Sommerfest vor ein paar Wochen durfte ich die beiden zum ersten Mal kennenlernen.

Denn zu den Elternabenden erschien immer die Oma. Auch sonst hielten sie sich eher im Hintergrund.

Umso mehr freute ich mich auf die Begegnung. Ich fragte im Beisein der Oma die Mutter ob sie lust habe, dass ihr Sohn  und sie mal zum spielen bei uns vorbeikämen.

Sie bedankte sich für die Einladung und wir machten aus, dass ich eine Nachricht mit Adresse, Telefonnummer und mögliche freie Tage an der Kindergartengarderobe des Sohnes hinterliess.

Promt rief mich die Oma an. Ihr Enkel würde am Folgetag mit ihrer Tochter zu uns kommen.

Alsbald machte ich mir so meine Gedanken.

  • Werden wir uns verständigen können?
  • Gibt es bestimmte „Verhaltensregeln“ bei einem Gespräch mit Gehörlosen?
  • Sie kann mich nicht hören und ich kann keine Gebärdensprache
  • Ist es blöd einen Zettel und Stift parat zu legen?
  • Muss uns ständig der 4 jährige Sohn dolmetschen? Der will doch mit dem Räuber spielen.
  • Und wie fühlt sich eigentlich der schüchterne Sohn in dieser Situation?

Fragen über Fragen brauten sich über mir zusammen.

Da schaltete ich meine Twitter-TL ein um etwas Hintergrundwissen und menschliche Führsorge zu bekommen.

Ein wahrer Schatz an Hilfbereitschaft prasste auf mich ein. Herzlichen Dank nochmals dafür.

So lernte ich die liebe Jule vom Blog „Die Welt mit den Augen sehen“ kennen. Sie machte mir für das Treffen Mut und gab mir viele Tipps für die Gespräche mit meiner besonderen Besucherin. Diese Tipps und noch vieles mehr könnt ihr gern mit einem klick auf ihren Bloglink nachlesen.

Der Tag kam. Ich war schon ein bisschen nervös.

Eine halbe Stunde vorher weihte ich meinen Räuber ein, dass die Mama vom Leon (nennen wir ihn mal so) uns nicht hören kann. Wer ein vierjähriges Kind zuhause hat, weiss, warum ich ihm das nicht schon früher mitteilte.

Warum kann die nix hören?“

Ich sagte ihm, dass es viel verschieden Menschen gibt. Die einen können nichts hören, andere können nichts sehen, wieder andere haben Probleme beim Sprechen…

„So wie den Viktor!? Den versteh ich nie wenn der was sagt. Der spricht noch wie ein Baby. Wir zeigen einfach mit den Fingern was wir wollen.“

„Ja, so ähnlich.“

Schon war das für ihn ok.

Bei dem schönen Wetter am Nachmittag befanden wir uns im Garten, als der Opa um die Ecke lugte und Hallo sagte. Ich begrüßte ihn. Dann verschwand er flugs.

Leon aber war so schüchtern, dass er wieder kehrt machte. Der Räuber lief ihm nach und zeigte seine Freude über dessen Besuch. Also kam er mit in den Garten.

Dort wartete schon der Junikäfer. Sie rief ständig „Leo..Leo…Leo“ Sie kennt ihn ja auch vom täglichen Kindergartengang.

Die beiden spielten schön miteinander. Junikäfer fremdelte anfangs sehr.

Wir beobachteten die spielenden Kinder und hielten smalltalk.

Wie es eben Eltern beim ersten Kennenlernen tun.

Ich hatte schon kalte Getränke auf den Tisch gestellt. Aber ich fragte sie nach Kaffee und hielt den Blickkontakt. Sie sei in der 13. Woche schwanger und wolle keinen Kaffee. Sie strengte sich an deutlich zu sprechen und ich verstand sie sehr gut. Ich freute mich mit ihr über die Schwangerschaft.

Sie erzählte im Laufe des Nachmittags noch einiges von sich.

Junikäfer taute sichtlich auf und quasselte die arme Frau zu. Die lächelte meist nur verlegen, denn ich muss dazusagen dass Junikäfer meist mit Schnulli im Mund spricht. Also verstand Leons Mama nichts von alledem. Ich versuchte vieles nochmal zu wiederholen. Am Verhalten des Junikäfers konnte man auch einiges Ablesen ohne Worte dazu zu brauchen 😉

Erstaunlicherweise brauchten wir keinen Dolmetscher um uns zu verständigen.

Als mein Mann noch nach Hause kam wurde es für sie schwierig den Dialogen zu folgen.

Die drei Jungs veranstalteten einen Spritzpistolen-Wettkampf. Es wurde heiter hin und her gespritzt. Bald machte auch der kleine Junikäfer mit. Alle gegen Papa hiess der Kampfspruch. Wir Frauen sassen auf der Terasse und sahen dem lusgen Treiben zu.

Gelegentlich sah sie dass mich jemand anguckte. Also schien ich zu reden. Da blickte sie auch schnell zu mir um alles mitzubekommen.

Das war gewiss kein leichter Nachmittag für Leons Mama, da es zwischendurch ziemlich drunter und drüber ging. Wenn alle durcheinander johlten fing sie aber bestimmt die Stimmung auf.

Ich freu mich jetzt schon auf das nächste Treffen und bin fröhlich-erstaunt wie toll Leon das meistert. Hut ab!

Es war ein sehr herzlicher Nachmittag – und so gar nicht still!

Bald erscheint ein weiterer Artikel zu dem Thema. Dann aber mit Berichten aus der Sicht eines mittlerweile erwachsenen CODA und von dessen Kindheitserlebnisse. Sei gespannt.

„Nicht sehen trennt von den Dingen,
nicht hören trennt von den Menschen“

Zitat der taub – blinden Helen Keller
(1880 – 1968).

 

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