Worte die man mir nicht sagt oder mein Leben mit gehörlosen Eltern

 

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Bildrechte: Ullstein Buchverlage.de

Mensch kann mit dem Mund lügen, so viel er will – mit dem Gesicht, das er macht, sagt er stets die Wahrheit.« (Nietzsche)


Das ergibt in der Gebärdensprache:
»Sprechen kann lügen aber Gesicht nein, anders.«

Inhaltsangebe von UllsteinBuchverlage.de

Worte, die man mir nicht sagt

„Hallo, Ihr Arschlöcher!“ So begrüßt Véronique Poulain eines Tages ihre Eltern, als sie aus der Schule heimkehrt. Die Reaktion: eine zärtliche Umarmung. Véroniques Eltern sind gehörlos. Das hat seine guten Seiten, kann aber auch ganz schön nerven. Als Kind ist Véronique mächtig stolz, wenn sie sich vor aller Augen in Gebärdensprache unterhält. Doch möchte sie nach ihrer Mutter rufen, muss sie sich etwas einfallen lassen. Und anders als man denkt, sind Gehörlose nicht unbedingt leise Menschen. Véroniques Eltern schmatzen genüsslich, pupsen geräuschvoll in der Öffentlichkeit und haben lauthals Sex. Ganz still ist es bei ihr zu Hause nie. Und richtig wild wird es, wenn ihre Mutter hinterm Steuer eine Diskussion beginnt. Humorvoll, unsentimental und anrührend erzählt Poulain von ihrer Kindheit – und gewährt dem Leser einen eindrucksvollen Blick in die Welt der Gehörlosen. „Eine wahre Geschichte voller Leben, manchmal bissig und dennoch voller Zärtlichkeit.“ Le Figaro Littéraire

Über die Autorin:

Véronique Poulain wurde 1965 in Paris geboren. Sie begann ihre Karriere als Werbeleiterin beim Fernsehen. Später wechselte sie zum Film und war viele Jahre lang persönliche Assistentin des berühmten französischen Schauspielers Guy Bedos. Véronique Poulain wohnt mit ihrem Lebensgefährten und ihren zwei Kindern in der französischen Hauptstadt.

Meine Buchbewertung:

Als ich erfuhr, dass der beste Freund meines Sohnes gehörlose Eltern hat, setzte ich ich mich mehr damit auseinander.

Auch gebloggt habe ich bereits darüber: Warum ein Spielnachmittag mit Kindern und einer gehörlosen Mama so gar nicht still verläuft und doch so herzlich war

Richtig gefreut habe ich mich dann über dieses Buch. Hier habe alles erfahren, was ich gern den kleinen Freund meines Sohnes gefragt hätte.

Wie ist es in zwei Welten aufzuwachsen?

Ich bin zweisprachig. In mir sind zwei Kulturen.
Tagsüber: Worte, Gesprochenes, Musik. Geräusche.
Abends: Zeichen, nonverbale Kommunikation, Körpersprache, Blicke. Stille.
Navigieren zwischen zwei Welten.
Das Wort.
Die Gebärde.
Zwei Sprachen.
Zwei Kulturen.
Zwei »Länder«.

Wie geht es dir, wenn die anderen Kinder oder fremde Erwachsene mitleidige Blicke oder Äußerungen von sich geben?

Es sind die anderen, die meine Eltern ansehen, als wären sie debil.
Es sind die anderen, die denken, es sei tragisch, gehörlose Eltern zu haben.
Ich nicht.
Für mich ist das nicht schlimm, es ist normal, es ist mein Leben.

Wie machst du auf dich aufmerksam, wenn deine Eltern gerade nicht im Raum sind oder dich nicht ansehen?

Um sie auf mich aufmerksam zu machen, stehen mir mehrere Möglichkeiten zur Verfügung.
Die bequeme: Ich warte, bis sie sich umdrehen und mich ansehen. Was ich sie fragen will, darf dann allerdings nicht zu dringend sein.
Die dynamische: Was ich zu sagen habe, kann nicht warten. Ich stehe auf und tippe ihnen auf die Schulter.
Die etwas nachlässige, aber trotzdem häufigste: Ich schalte das Licht an und aus. Sie drehen sich um. Ich fange an zu reden.
Oder ich schleudere ein Buch durch den Raum. Aber das tut mir in der Seele weh, ich liebe meine Bücher zu sehr.
Oder ich werfe einen Gegenstand nach ihnen.

Aber erst durch das Buch wurde mir klar, wie schwer eigentlich die Sprache ist. Ständig braucht man Blickkontakt, was zum Beispiel das Autofahren und gleichzeitige „Sprechen“ sehr gefährlich macht.

Auch alle Körperbewegungen und Gesichtsausdrücke müssen die ganze Zeit beobachtet werden um nichts falsches zu verstehen. Das stelle ich mir sehr anstrengend vor. Hut ab!

Witzig fand ich auch die Beschreibungen zu den Geräuschen, die Gehörlose unbewusst machen, weil sie es ja nicht hören. Da war von pupsen, schmatzen, rülpsen, Tür zu schlagen, schlürfender Gang durchs Haus und Liebe machen die Rede.
Fazit:

Ein sehr autentisches Buch über das Leben mit Gehörlosen, das mich als Hörende faszinierte und den Menschen näher bringt. Vieles traut man sich einfach nicht zu fragen. Hier bekommt man dazu die Antworten. Vielen Dank.

In der Sprache meiner Eltern gibt es keine Metaphern, keine Artikel, keine Konjugationen, nur wenige Adverbien, keine Sprichwörter, keine Leitsätze oder Redewendungen. Keine Wortspiele. Nichts zwischen den Zeilen. Keine Zwischentöne. Sie hören ja gar nichts, wie sollten sie da Zwischentöne wahrnehmen …

Vielen Dank an den Ullsteinbuchverlag für die Zusendung des angeforderten kostenfreien Rezensionsexemplares.

Mehr Buchtipps für Eltern auf einen Blick.

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