10 Tipps zur Kommunikation mit Gehörlosen #Gastbeitrag

Das Thema taucht immer wieder in meinem derzeitigen Leben auf, somit auch in diesem Blog. Bereits in einem vergangenen Beitrag berichtete ich über meinen persönlichen Umgang mit einer gehörlosen Mama und stellte meine Anfrage auch bei Twitter.

Ich sammelte Erfahrungsberichte anderer und machte mir letztendlich mit einem autentischen Buch ein Bild über den Alltag als Hörender zwischen Gehörlosen, so wie es dem besten Freund meines Sohnes ergeht. Mein Buchtipp dazu findest du hier: Worte die man mir nicht sagt…

Aber ich freue mich besonders über die 10 Tipps zur Kommunikation mit Gehörlosen von der lieben Mama in Hamburg. Ich durfte sie euch ja schon bei meiner letzten „Mut zur Lücke“ Reihe vorstellen. Jetzt hat sie mir einen tollen Gastbeitrag zum Thema verfasst.

Vielen lieben Dank an Inga vom Blog „Mama in Hamburg„. Schau auch dort vorbei und hol dir klasse DIY-Ideen.

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Als die liebe Anja bei Twitter fragte, ob sie gehörlose Eltern in der Timeline habe, wurde ich neugierig und bot meine Hilfe an. Ich habe drei Jahre in einem Kindergarten für gehörlose und schwerhörige Kinder gearbeitet und habe hier zehn Tipps für den Umgang mit Gehörlosen für euch. Wenn ihr weitere Fragen habt, dann fragt mich gern aus.

1. Kontakt aufnehmen

Um mit einem gehörlosen Menschen Kontakt aufzunehmen, ist es wichtig, Blickkontakt herzustellen. Ist das nicht möglich, zum Beispiel, weil der gehörlose Mensch mit dem Rücken zu mir steht, ist ein Anfassen an der Schulter weit verbreitet und völlig normal. Sitzt man gemeinsam an einem Tisch, hilft oft ein leichtes Klopfen auf den Tisch, um Blickkontakt herzustellen, da die Tischplatte dann leicht vibriert. Wundert euch also nicht, wenn auch ihr auf diese Art angesprochen werdet.


2. Sich unterhalten

Für eine Unterhaltung ist Blickkontakt enorm wichtig. Wer keine Gebärdensprache spricht, spricht einfach ganz normal in ruhigem Tempo und unterstützt das Gesagte ganz natürlich durch Gesten, Mimik und Körpersprache. Gehörlose sind es gewohnt, mit Menschen zu kommunizieren, die keine Gebärdensprache sprechen, also habt keine Scheu sondern probiert es einfach aus. Übrigens können viele Gehörlose sprechen. Das klingt oft erstmal ungewohnt, aber das ist ja klar, wenn man bedenkt, dass diese Menschen vermutlich sprechen gelernt haben ohne je zu hören, wie es klingt.

3. Lippenlesen

Auch wenn es immer wieder Menschen gibt oder zu geben scheint, die von den Lippen das Gesagte ablesen können, so trifft für den Großteil der Gehörlosen zu, dass nur etwa 30% des Gesagten von den Lippen abgelesen werden kann, die restlichen 70% ergeben sich aus dem Zusammenhang. Achtet zum Beispiel mal auf eure Lippenbewegungen, wenn ihr „Mutter“ und „Butter“ sagt – das sieht genau gleich aus. Deshalb ist es wichtig, das, was ihr sagt, so gut wie möglich mit Gebärden zu unterstützen.

4. Gebärdennamen

Eine Besonderheit in der Gebärdensprache, die sofort auffällt, sind die Gebärdennamen. Um nicht jedes Mal den Namen der Person, über die man spricht, buchstabieren zu müssen, hat die Person eine Namensgebärde, die allen am Gespräch beteiligten Personen klar ist. Oft werden hier sofort sichtbare Äußerlichkeiten aufgegriffen: Mein Gebärdenname sieht zum Beispiel so aus, dass man mit dem Zeigefinger an die Mitte der Unterlippe tippt, da sitzt nämlich mein Piercing. Auch der Anfangsbuchstabe des Namen ist häufig die Namensgebärde.

5. Das Fingeralphabet
Die Deutsche Gebärdensprache kennt zahlreiche Gebärden und es kommen ständig neue hinzu, doch manchmal muss man Begriffe und Namen einfach buchstabieren. Dazu gibt es ein Fingeralphabet, was, wie ich finde, leicht zu lernen ist und die Kommunikation sehr erleichtert, denn wenn mir eine Gebärde nicht einfällt, kann ich das Wort einfach buchstabieren.

6. Schriftliche Kommunikation

E-Mail, SMS, Whatsapp und allgemein die Sozialen Medien werden von den Gehörlosen, die lesen und schreiben können, sehr gern zur Kommunikation genutzt. Fragt also einfach mal vorsichtig nach, ob auch schriftlicher Kontakt möglich und erwünscht ist, die meisten Gehörlosen können nämlich lesen und schreiben, wenn auch teilweise die Grammatik in ihrer Schriftsprache etwas anders ist, was daran liegt, dass die Deutsche Gebärdensprache eine andere Grammatik als die Lautsprache hat. Aber ihr werdet schon verstehen, was gemeint ist. Ansonsten: immer nachfragen. Wie gesagt, Gehörlose sind sehr geübt in der Kommunikation mit Hörenden.

7. Verstehen die sich alle untereinander?
Wenn Gehörlose sich treffen, fragen sie einander meist zuerst, woher sie kommen. Denn die Deutsche Gebärdensprache hat regionale Unterschiede, genau wie die Deutsche Lautsprache. In Bayern spricht und gebärdet man anders als in Hamburg. Und im Ausland sowieso.

8. Gebärdensprache im TV und Fernsehen mit Untertiteln
Als ich noch ganz neu war in der Arbeit mit einer gehörlosen Kollegin und sie mich fragte, ob ich den Tatort gestern auch so witzig fand, hab ich erstmal blöd geguckt. Dann hat sie mir aber erklärt, dass man doch Untertitel einschalten kann und dass sie jeden Sonntag Tatort guckt und dass sie ja Professor Börne und Kommissar Thiel so lustig fände. Ich hab das dann am nächsten Sonntag mal ausprobiert und die Untertitel angemacht, es ist schon interessant, zu sehen, wie dadurch Informationen gefiltert werden und ganz viele Filme haben leider keine Untertitel. Zum Glück gibt es aber Nachrichtensendungen mit Gebärdensprache und natürlich auch das Internet, so dass Gehörlose meistens top informiert sind.

Für Kinder gibt es übrigens Gebärden DVDs, zum Beispiel von „Petterson und Findus“, „Kasimir“, „Der kleine Eisbär“ und „Der Regenbogenfisch“. Auf den DVDs wird eine Seite wie im Bilderbuch gezeigt und dazu wird der Text vorgelesen und gebärdet: Total super für einen DVD-Nachmittag mit hörenden und gehörlosen Kindern.

9. Hören die echt nicht? Gar nichts?

Es gibt unterschiedliche Grade von Schwerhörigkeit bis hin zur absoluten Gehörlosigkeit.

Viele Schwerhörige nutzen Hörgeräte, das kennt mancher bestimmt von den Großeltern.

Bei gehörlosen Menschen kann ein Cochlear Implantat dazu beitragen, dass sie hören können – besser gesagt, dass sie Töne wahrnehmen, denn ein Cochlear Implantat macht aus einem gehörlosen Menschen keinen hörenden Menschen, aber je nach Ursache der Gehörlosigkeit kann es ihm helfen, die Lautpsrache zu verstehen und selbst anzuwenden.

Hörgeräte und Cochlear Implantate funktionieren mit Batterie bzw Akku und hier ahnt ihr schon, warum es trotzdem wichtig ist, Gebärdensprache zu können, denn wenn beim Cochlear Implantat der Akku leer ist, wird es still. Die meisten Hörgeräte und Cochlear Implantate sind nicht wasserfest, so dass sie im Schwimmbad nicht getragen werden können. Ich könnte nun lang und breit erklären, wie ein Cochlear Implantat funktioniert, was es kann und was es nicht kann und warum viele Gehörlose es ablehnen, aber das geht zu weit. Wer mehr wissen möchte, darf mich natürlich gern fragen. Wichtig ist nur noch anzumerken, dass man nicht einem Gehörlosen ein Cochlear Implantat einsetzen kann und dann hört und versteht er alles. Da sind dann erstmal Geräusche, die das Gehirn erkennen, einsortieren und verarbeiten muss. All das, was wir schon als Baby in Mamas Bauch über Sprache gelernt haben, fehlt einem Menschen, der gehörlos zur Welt kam. Überlegt mal, wie lange unsere Kinder gebraucht haben, um alles, was wir sagen, zu verstehen.

10. Zeichensprache, Taubstumme und andere Begriffe, dir ihr aus eurem Wortschatz streichen dürft

Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist eine eigene Sprache mit einer eigenen Grammatik. Unwissenderweise wird sie oft als „Zeichensprache“ bezeichnet, das kränkt aber viele Gehörlose und wird dem komplexen System der Gebärdensprache nicht gerecht. Der Begriff „taub“ war ebenfalls lange Zeit verpönt, das ändert sich aber gerade wieder. Am besten fragt ihr euren Gesprächspartner einfach, ob ihm die Bezeichnung „taub“ oder „gehörlos“ oder „hörbehindert“ oder oder oder lieber ist. Was immer auf Ablehnung stößt, ist der Begriff „Taubstumm“, denn „stumm“ sind diese Menschen ganz gewiss nicht.

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